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Kunstdidaktik

Eine immer wieder gemachte Erfahrung: Die Qualität der bildnerischen Arbeiten von Kindern ergibt sich aus der Qualität der Aufgabenstellung.
Wie ich Kindern Aufgaben stelle, ist die Frage der Didaktik und Methodik, der Kunst des Lehrens von Kunst. Jedes Kind hat die Anlagen zu einem Achten Schöpfungstag beim Malen oder Zeichnen. Sicherlich wollen wir „schöne“ Bilder entstehen lassen. Doch in der Pädagogik sind die Wirkungen des Tuns wichtiger als die Produkte. Oder: Die Produkte sind eigentlich die sich entwickelnden Fähigkeiten der Kinder. Das ist zum Teil das Thema der pädagogischen Wahrnehmungs- oder Sinnenslehre (Ästhesiologie). Insofern kann Kunstdidaktik immer nur eine personale sein. Im Buch Malen und Zeichnen ist das in den Kapiteln I. Die malerischen Mittel in der Kunstdidaktik und V. Malen mit Spielregeln ausführlich dargestellt.
Gibt es Maßstäbe dafür, was schön, was richtig ist? Gibt es Regeln oder besser  Spielregeln, die das künstlerische Gestalten sinnvoll anzuleiten helfen? „Spiel“ möchte ich in der Pädagogik im Sinne Schillers verstehen. Bloßes Drauflosmalenlassen würde einem vereinseitigten dumpfen „Stofftrieb“ entsprechen, nur Regeln zu befolgen dem vereinseitigten „Formtrieb“. Nicht fertige Werke strebe ich im Kunstunterricht an, sondern das ständige aktive Harmonisieren dieser beiden Grundtriebe.

Schiller hatte 1795 in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen einen solchen Schlüssel zur Pädagogik entworfen:

„Der Gegenstand des sinnlichen Triebes, in einem allgemeinen Begriff ausgedrückt, heißt  L e b e n,  in weitester Bedeutung; ein Begriff, der alles materielle Seyn, und alle unmittelbare Gegenwart in den Sinnen bedeutet. Der Gegenstand des Formtriebes, in einem allgemeinen Begriff ausgedrückt, heißt  G e s t a l t,  sowohl in uneigentlicher als auch in eigentlicher Bedeutung; ein Begriff, der alle formalen Beschaffenheiten der Dinge und alle Beziehungen derselben auf die Denkkräfte unter sich fasst. Der Gegenstand des Spieltriebes, in einem allgemeinen Schema vorgestellt, wird also  l e b e n d e  G e s t a l t  heißen können; ein Begriff, der allen ästhetischen Beschaffenheiten der Erscheinungen und mit einem Worte dem, was man in weitester Bedeutung  S c h ö n h e i t  nennt, zur Bezeichnung dient.“

Und weiter über das Kunstwerk:

„Nur indem seine Form in unserer Empfindung lebt, und sein Leben in unserem Verstande sich formt, ist (es) lebende Gestalt, und dieß wird überall der Fall seyn, wo wir (es) als schön beurteilen.“ (15. Brief)

„Das harmonische Zusammenspiel beider Triebe“, so Schiller, „lässt einen dritten Trieb entstehen: den Spieltrieb. Der sinnliche Trieb will bestimmt werden, er will sein Objekt empfangen, der Formtrieb will selbst bestimmen, er will sein Objekt hervorbringen. Der Spieltrieb wird also bestrebt sein, so zu empfangen, wie er selbst hervorgebracht hätte, und so hervorzubringen, wie der Sinn zu empfangen trachtet.“ (14. Brief)  „Man kann den Gegenstand des sinnlichen Triebes Leben, den des Formtriebes Gestalt nennen; der beide vereinigende Trieb („Spieltrieb“) kann mit einem allgemeinen Begriff als lebende Gestalt betrachtet werden. Dies aber ist eine Bezeichnung, die zur Beschreibung von Schönheit dient. Sobald daher die Vernunft Menschheit fordert, muss sie auch Schönheit fordern. Daher kann man sagen: ‚Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen.’ Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen: der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (15. Brief)

Daraus erst entsteht die Befähigung zur Freiheit.

„Die Freiheit nimmt ihren Anfang erst, wenn der Mensch vollständig ist, und seine beiden Grundtriebe sich entwickelt haben.“ (20. Brief) „Es ist dem Menschen  durch die Schönheit ... möglich gemacht, aus sich selbst zu machen, was er will, zu sein, was er sein soll, denn sie setzt ihn in den Zustand der Freiheit zwischen Sinnlichkeit und Verstand.“ (21. – 27. Brief)


Vermag der Pädagoge die Regeln der bildnerischen Mittel passend in die malerische Aufgabe einzubauen, erhält er auch eine selbstverständliche Autorität. Er wird dem Kind Sicherheit für die Ausführung seiner Aufgaben vermitteln und dann auch die Freude darüber, das, was es ausdrücken wollte oder sollte, auch „richtig“ und „schön“ zu gestalten. So übt es sich zunächst im Tun  und dann auch im Betrachten und Urteilen mit und an Kriterien.

Hier kann die Frage auftauchen, ob damit die künstlerische Freiheit untergraben wäre. Freiheit ohne Regeln, ohne Rücksichtnahme auf den anderen oder das jeweils andere, führt zu Willkür. – Das zeigt das Leben.
Im Bildnerischen aber geht es um „Rücksicht“ auf die anderen Formen, die anderen Farben und das jeweilige Format.